Nachdem im ersten Artikel die technischen Aspekte auf der „anderen Seite“ betrachtet wurden, wird jetzt der Benutzer selber unter die Lupe genommen. Aus diesen Erkenntnissen heraus können wir dann auf eine gute Gestaltung der Seite im Sinne der User rückschließen.
Für Bildschirmarbeitsplätze gelten besondere Regeln bei der Übermittlung von Informationen. Viele haben ihre Ursache in den technischen Voraussetzungen, aber auch die Fähigkeiten des Benutzers, Informationen am Computer zu verarbeiten, sind gegenüber den Printmedien eingeschränkt.
Die allgemeinen Lern- und Wahrnehmungsfähigkeiten der Menschen, Informationen aufzunehmen und zu speichern, sollen Thema der folgenden Kapitel sein.
Unser Gesichtsfeld, der Bereich unserer visuellen Wahrnehmung über unsere Augen, besteht aus zwei unterschiedlich voneinander arbeitenden Feldern. Diese werden dabei als „zentrales“ bzw „peripheres“ System bezeichnet.
Die einzelnen Systeme versorgen die angeschlossenen Gehirnhälften mit unterschiedlichen Informationen. Das Blickfeld des zentralen Systems wird mit der höchsten Sehschärfe wahrgenommen. Dieser Bereich der Wahrnehmung ist relativ klein, im Abstand von einem halben Meter ist es ungefähr ein Kreis von 3 cm Durchmesser. Es versorgt das Gehirn mit den Informationen, die wir fixiert haben.
Für den Rest unseres Wahrnehmungsfeldes ist das periphere System verantwortlich. Es reicht vom äußeren Rand des zentralen Systems bis zum Randbereich des Gesichtsfeldes.
Die Wirkungsweise und der Sinn der getrennten Felder sind mit unserer evolutions-geschichtlichen Entwicklung zu erklären. Während das zentrale System die Informationen aufnimmt und uns genaueste und scharfe Eindrücke übermittelt - wir somit das Geschehen inhaltlich analysieren können - sind wir konzentriert auf diesen Punkt.
Unsere Umgebung würden wir dabei ohne das periphere System nicht wahrnehmen. Es übermittelt jede Bewegungen und alle Farbveränderungen in der Umgebung an unser Gehirn. Durch diese Signale zieht sich unsere Aufmerksamkeit sofort auf diesen Punkt. In der Praxis schützt uns dieses System vor Unfällen. Beobachten wir im Straßenverkehr ein Objekt, bleiben wir trotzdem an einer roten Ampel stehen. Wir nehmen das Warnsignal (Rot) mit dem „peripheren“ System wahr.
Dieser Aspekt sollte uns vor allen bei der späteren Behandlung von Animationen beschäftigen, aber auch bei der Farbwahl verschiedener Seiteninhalte werden wir auf das Wahrnehmungsfeld zurückkommen.
Der Mensch am Bildschirm ist besonderen Belastungen ausgesetzt. Grund dafür sind unter anderem anatomische Ursachen. Sitzt man beim Lesen eines Buches oder der Zeitung bequem in einem Sessel oder liegt auf der Couch, so sitzt man beim Surfen durch das Internet meistens an einem Arbeitsplatz vor einem Computer. Dieses starre Sitzen strengt an, verbraucht Ressourcen und verringert die Bereitschaft, uns lange zu konzentrieren. Ein weiterer Faktor ist, dass unser Monitor, im Gegensatz zu unserer anatomischen Normalblickrichtung, die ungefähr in einem Winkel von 45° nach unten gerichtet ist, meist sehr weit oben angebracht ist. Die Folge ist ein weiterer Verbrauch der so wichtigen Ressourcen, eine Verringerung der — zum Lernen so wichtigen — Konzentration.
Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass der Monitor eine aktive Lichtquelle ist. Aber im Gegensatz zum von der Erde reflektierten Sonnenlicht gibt er Licht ab. Folglich kann er sich nicht an die Umgebungshelligkeit anpassen. Diese Anpassung an die verschiedenen Lichtverhältnisse müssen unsere Augen übernehmen. Unser Konzentration sinkt, wir brauchen längere Lernpausen. Des Weiteren setzt auch die Konzentration des Surfers beim Downloaden der Seiten nach ca. 10 Sekunden aus und er beginnt sich mit anderen Dingen am Rechner zu beschäftigen. Dabei ist die Chance, dass er auf eine andere Seite weiterklickt, hoch. Die Downloadzeiten sollten somit möglichst weniger als 10 Sekunden betragen [1].
Die Aufmerksamkeit ist in der Psychologie ein großes Kapitel. Aus diesem Grund muss erst einmal festgelegt werden, was hier unter der Aufmerksamkeit verstanden wird. Da diese Ausarbeitung ausschließlich der visuellen Übermittlung von Daten dient, liegt es nahe, dass man sich hier nur der visuellen Aufmerksamkeit widmet.
Um die Fakten einfach und nachvollziehbar wiederzugeben, wird hier die Theorie von Broabent [2] zum erläutern hinzugezogen. Diese besagt, dass die „Gesamtheit der Selektions- und Steuerungsmechanismen“ die Aufmerksamkeit ausmacht.
Im Klartext heißt das, dass man nur eine begrenzte Kapazität (Kanäle) für die Aufnahme von Informationen zur Verfügung hat. Damit die eigenen Ressourcen nicht unnötig belastet werden, gibt es eine Art Filter, der nützliche von unwichtigen Informationen trennt. Diese Filtermechanismen arbeiten nach bestimmten Prinzipien. Sie entscheiden, was oder wem Aufmerksamkeit geschenkt wird.
In einer Masse gleicher Dinge fällt ein Außenseiter auf. So ist in einer Menge von Kreisen das Viereck die Ausnahme und auf einer blauen Fläche die kleine rote Spirale.
Die Dissonanz setzt Erwartungshaltung an bestimmte Dinge voraus. Wird diese Erwartung nicht erfüllt, wird man darauf aufmerksam und betrachtet es genauer. Voraussetzung ist allerdings, dass der Bogen nicht überspannt und das Objekt bis zu Unverständlichkeit abstrahiert wird. In diesem Fall wäre man überfordert und würde sich davon abwenden [3].
Bei dauernder Wiederholung passt man sich an die Gegebenheiten an und reagiert nicht mit den sonst üblichen Reflexen. Um zurück zu Broabent zu kommen, „der Filter (wird) gesättigt, wenn immer dieselbe Information zu selektieren ist“. Ein gutes Beispiel sind die im Netz verstreuten Banner, die versuchen vorzutäuschen, dass sie ein Windows-Fenster sind. Da schaut man vielleicht einmal hin, aber der geübte User schenkt diesem Objekt keine Beachtung.
Die Aufmerksamkeit wird, wie unter dem Punkt „Wahrnehmung“ bereits erklärt, immer auf schnellere oder auffälligere Dinge gezogen. So ist zum Beispiel ein grelles Gelb auffälliger als ein zarter Pastellton, und eine schnell bewegte Animation wird eher wahrgenommen als ein blasser Banner. Bei den Farben gilt, dass Mischtöne nicht so stark wahrgenommen werden wie reine Farben und Grautöne weniger stark als bunte Farben.
In einer Umgebung gleicher Dinge zieht immer das Größere die Blicke auf sich. Auf Internetseiten kann man damit die Wichtigkeit bestimmter Dinge zum Ausdruck bringen. Das zum Beispiel der Warenkorb in einem Shopsystem auf wenige Pixel reduziert wird, ist also nicht nachzuvollziehender Unsinn, da der Warenkorb die wichtigste Funktion eines Onlineshops ist.
Es gibt eine Reihe biologischer Auslöser, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Solche „Eye Catcher“ sind zum Beispiel Augen, Gesichter, erotische Signale. Sehr bekannt ist auch das Kindchenschema. „Jeder junge Hund ist niedlich und alle Babys sind süß“. Diese Signale sind oft mit einem positiven Charakter belegt und somit gut geeignet, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen [4].
Diese Gesetze sind einzeln und isoliert für sich wirksam. Ihre Wirkungen subtrahieren und addieren sich beim Zusammenspiel. Dadurch verstärken sich Ihre Wirkungen, oder es kann zu einer Aufhebung kommen.
Um eine Webseite benutzergerecht gestalten zu können, sollte man auf jeden Fall auch den Unterschied zwischen „schwebender“ und „fokussierter“ [5] Aufmerksamkeit kennen. Eine „schwebende“ Aufmerksamkeit" liegt vor, wenn mehrere Dinge parallel, dafür aber nur oberflächlich wahrgenommen werden. Komplementär dazu arbeitet die „fokussierte“ Aufmerksamkeit. In diesem Zustand werden Dinge zielgerichtet und intensiv aufgenommen.
Der Unterschied bei den Benutzern liegt dabei in der Motivation des Benutzers und der Bestimmtheit des Ziels. Hat man kein Ziel und surft nur ein wenig herum, so liegt „schwebende“ Aufmerksamkeit vor. Ist man an einer bestimmten Sache interessiert, ist die „fokussierte“ Aufmerksamkeit aktiv.
Dass verschiedenen Personen unterschiedlich Informationen aufnehmen können, ist sicherlich keine Frage und je nach Wissensstand oder Zielgruppe sollten die Inhalte der Webseiten an die Bedürfnisse angepasst werden. Hier interessiert aber die Aufnahme von Inhalten allgemein, wobei dadurch wieder Rückschlüsse auf die Gestaltung und Verarbeitung von Webseiten gezogen werden können.
Wie die Konzentration ist auch die Lern- und Aufnahmefähigkeit der Internetuser eingeschränkt. Die Folge ist, dass nach der Informationsaufnahme nur ein Bruchteil der eigentlich wichtigen übermittelten Daten beim Benutzer weiterverwendet werden kann. Es müssen Darstellungsmöglichkeiten gesucht werden, die die Detonation beim Benutzer erhöhen.
Dies ist die Verarbeitungstiefe von Informationen. Beschäftigt man sich intensiv mit einem Objekt, wird man es besser verarbeiten und es somit länger im Gedächtnis behalten. Die Dissonanz (siehe Kap 2.2.3) kann dabei eine Große Rolle spielen [6].
Abb. 4 So merken wir uns Dinge am besten (Thomas Wirth - Missing Link [7])
Ob Bilder schneller verarbeitet werden als Text und damit besser erlernt werden können, wurde in vielen Studien untersucht. Dabei ist man lange Zeit nicht zu einem Ergebnis gekommen.
Das Problem bei diesen Studien war, dass immer andere Werte aus den Grafiken oder Texten erlernt oder ausgelesen werden sollten. Genau das aber ist der Unterschied, der hier zu beachten ist. Dabei ist zum Beispiel ein Mittelwert einer Reihe Zahlen eher aus einer Tabelle
zu errechnen. Ein Extrema einer Funktion ist schneller und zuverlässiger aus einem Diagramm erkennbar. Dieser Unterschied wurde im Folgenden allgemein „kognitiver Fit“ genannt. Thomas Wirth nannte es in den Buch "Missing Links //Über gutes Webdesign//" [7] funktionelle Kongruenz. Da das diese Angelegenheit besser auf den Punkt bringt, würde ich diese Wortkonstruktion übernehmen.
Abb. 05 Sehr einfach kann man die Unregelmäßigkeit im Verlauf der roten Funktion sehen.
Abb. 06 In dieser Tabelle lässt sich sehr einfach der Durchschnitt dieser Zahlenreihe auslesen. Ein Diagramm wäre hier fehl am Platz.
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| Durchschnitt |
Rot | 10% | 17% | 12% | 13% |
Blau | 15% | 18% | 9% | 14% |
Grün | 18% | 18% | 17% | 17,6% |
Gelb | 19% | 6% | 3% | 9,3% |
Allan Paivio (1986) [8] entwickelte die bis heute nicht unumstrittene „duale Kodierungtheorie“. Die Theorie ist bis heute nicht unumstritten, doch gibt er damit auch eine leicht nachvollziehbare Antwort auf den Zusammenhang bei der Verarbeitung von Bildern und Texten. Nach Paivios Forschungen werden Informationen getrennt voneinander verarbeitet und im Gehirn gespeichert. Durch Verknüpfungen zwischen den zusammengehörigen Bildern und Texten sind diese abrufbar.
Dadurch steigert sich die Gedächtnisleitung, da man sich die Wörter bildlich vorstellen kann. Somit ist eine Verbindung von Icons und Text in der Navigation als sinnvoll zu betrachten, damit der Benutzer leichter und schneller in der Seite navigieren kann.
Schon 1885 fand Ebinghaas [9] nach einer Reihe von Studien des seriellen Lernens den Primery- und Recency-Effekt heraus. Diese Studien zeigen, dass Personen sich Items aus einer Liste vom Anfang und von Ende am ehesten einprägen.
Der Primary-Effekt entsteht durch das häufige Wiederholen des Anfangs, und der Recency-Effekt durch die noch im Kurzzeitgedächtnis gespeicherten Informationen. Das zeigt, wie wichtig die richtige Position bestimmter Elemente auf der Webseite ist. Zum einen bei der Anordnung der Elemente auf einer Seite, und zum anderen beim Anlegen von Informationen in einer linearen Seitenstruktur.
[1] www.useit.com/alertbox/9710a.html
[2] Prof. Dr. o. Neumann & Prof. Dr. A. F. Sanders (1996). Enzyklopädie der Psychologie / Band 2 Aufmerksamkeit. Göttingen: Hogrefe-Verlag (Seite 20-25)
[3] www.kommdesign.de/texte/aufmerk4.htm
[4] pcptpp030.psychologie.uni-regensburg.de/beautycheck/kindchenschema/kindchenschema.htm
[5] www.in4mation.de/services/screendesign/aufmerksam.html
[6] Zimbardo, P. G. & Gerrig, R. J. (1999). Psychologie. (S.251).Berlin: Springer-Verlag
[7] Thomas Wirth (2002): Missing Links //Über gutes Webdesign//. München-Wien: Carl Hanser Verlag (Seite 123)
[8] Thomas Wirth (2002): Missing Links //Über gutes Webdesign//. München-Wien: Carl Hanser Verlag (Seite 123)
[9] Spada, H. (Hrsg.). (1992). Lehrbuch Allgemeine Psychologie. (S.150).Bern: Hans Huber Verlag
[10] Spada, H. (Hrsg.). (1992). Lehrbuch Allgemeine Psychologie. (S.118-122). Bern: Hans Huber Verlag
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